Interview mit Arne Sommer

Arne Sommer wurde 1970 in Itzehoe (Schleswig-Holstein) geboren. Nach ersten Theater- und Kurzfilm-Erfahrungen studierte er 1992 bis 1994 an der Filmakademie Baden-Württemberg und von 1995 bis 1996 an der Bournemouth Filmschool in England Drehbuch. Durch Seminare bei Bobette Buster in Los Angeles und Robert McKee in London vervollständigte er seine Ausbildung zum Filmautor. Seine Hörspiel-Reihe „Peter Lundt: Blinder Detektiv“ erfreut sich großer Beliebtheit bei blinden und sehenden Fans und ist auch mit einem Live-Hörspiel auf der Leipziger Buchmesse zu Gast. Für soforthoeren.de stand der Autor in einem ausführlichen Interview Rede und Antwort.
soforthoeren.de: Wie kamen Sie auf die
Idee, eine Hörspielserie über einen blinden Detektiv zu
schreiben?
Arne Sommer: Die Grundidee war eher technischer Natur: Einem Blinden muss man vieles erklären und beschreiben, oder er holt sich seine Informationen über Geräusche. Das ist genau dieselbe Situation, in der sich ein Hörspielhörer befindet, egal ob er blind ist oder nicht. So sind Peter Lundt und der Zuhörer auf einer Höhe, was das Geschehen angeht. Das schien mir logisch und hat dann ja auch wunderbar funktioniert. Dass Herr Lundt Detektiv geworden ist, liegt einerseits an meiner Liebe zum Krimi, andererseits an der Tatsache, dass ein Detektiv den Ermittlungsauftrag sozusagen eingebaut hat. Da gehen einem die Geschichten nicht so schnell aus!
soforthoeren.de: Peter Lundt umgeht
gängige Blindenklischees und hat daher viele blinde Fans. Ich bin
selbst blind und finde das für einen Sehenden, der eine blinde Figur
erschafft, eine tolle Leistung. Wie sind Sie dazu gekommen, einen
Blinden so authentisch und klischeefrei darzustellen? Sie besuchen
auch Veranstaltungen für Blinde, gibt es da auch schon mal Personen
oder Ereignisse, die Sie inspiriert haben?
Arne Sommer: Über
dieses Lob freue ich mich wirklich sehr, und ich finde es toll, dass
mir immer wieder blinde Menschen begegnen oder schreiben, die genau
das zum Ausdruck bringen. Entstanden ist das natürlich einerseits
aus Recherche, z.B. im „Dialog im Dunkeln“ in Hamburg.
Andererseits wundere ich mich schon darüber, mit wievielen Klischees
Blinde sonst in den Medien dargestellt werden. Es ist nämlich
letztlich ganz einfach: Peter Lundt ist zwar blind, aber das ist
nicht die eine Eigenschaft, die ihn definiert. Es ist nur eine von
vielen Sachen, die ihn ausmachen. Und so ist es doch mit jedem
Menschen: Wer er ist, bestimmt doch nicht, ob er sehen kann oder ob
ihm eine Hand fehlt. Wer er ist, zeigt sich in dem, was er tut, für
was er sich entscheidet, wie er mit seinem Leben und seinen
Mitmenschen umgeht. Insofern ist Peter Lundt für mich nicht in
erster Linie eine blinde Figur, sondern ein Mann, der viel „gesehen“
hat – und jetzt eben nichts mehr sehen kann. Niemand sollte auf
eine Sache eingeengt werden!
soforthoeren.de: Glauben Sie, dass
Peter Lundt durch seine Authentizität sehenden Menschen den Alltag
der Blinden näher bringt und sehen Sie es als Ihre Verantwortung an,
Peter Lundt realitätsnahe zu gestalten? Glauben Sie, ein Blinder
könnte wirklich als Detektiv arbeiten?
Arne Sommer: In „Peter
Lundt und die Tänze der Toten“ empfiehlt der Bösewicht Peter
Lundt, doch nach Belgien zur Polizei zu wechseln. Dort hat nämlich
vor zwei Jahren tatsächlich die Polizei in Antwerpen eine Einheit
mit blinden Kriminalbeamten aufgemacht. Die arbeiten fast so, wie
Peter Lundt es tut: Indem sie sich vor allem auf ihr Gehör und ihr
Gespür verlassen. Insofern war Peter Lundt seiner Zeit etwas voraus,
aber eigentlich nicht unrealistisch. Was die Frage nach dem Realismus
angeht: Ich achte schon darauf, die Geschichten in der Realität zu
verankern. Natürlich ist Peter Lundt dabei auch ein kleines bisschen
„Superblinder“. Er verhält sich ja z.B. eher wie ein
Geburtsblinder, obwohl er erst seit ein paar Jahren nichts mehr sehen
kann. Aber er ist ja auch der Held in einer nicht immer ganz ernst
gemeinten Krimireihe, da darf er ruhig „larger than life“ sein.
soforthoeren.de: Von der Idee zum
fertigen Hörspiel: können Sie unseren Lesern etwas darüber
erzählen, wie Sie ein Drehbuch für ein Hörspiel schreiben, und was
danach mit dem Drehbuch passiert, entscheiden Sie z.B. bei der
Auswahl der Hintergrundgeräusche und der Sprecher mit?
Arne
Sommer: In der Regel läuft es so: Etwa ein halbes Jahr, bevor ich
das Manuskript schreibe, bespreche ich mit Hörformat die Idee und
den Titel und schreibe einen kurzen Appetitmacher für die
Verlagsprogramme, die ja einen sehr langen Vorlauf haben. Dann mache
ich mich ca. zwei Monate vor Produktionsbeginn an die erste Fassung.
Und in der Regel schreibe ich dann nach Rückmeldung von Hörformat
und anderen Beteiligten noch eine zweite Fassung, die dann in
Produktion geht. Bei der Wahl der Sprecher oder der Geräusche habe
ich keinen Einfluss, aber das finde ich auch ganz gut, denn das
können andere besser als ich. Ich versuche aber immer, mindestens
einen Tag der Sprachaufnahmen im Studio mitzubekommen, schon um die
Peter-Lundt-Familie zu treffen und Kontakt zu allen Beteiligten zu
halten.
soforthoeren.de: Sie arbeiten sonst als
Drehbuchautor, was macht für Sie den Reiz aus, ein Hörspiel zu
schreiben und wo sind die Unterschiede zum Drehbuch für einen Film?
Gibt es vielleicht auch Gemeinsamkeiten?
Arne Sommer: Der
größte Unterschied zum Film ist die vergleichsweise lächerlich
kleine Summe, für die man ein ganzes Hörspiel produzieren kann. Die
führt nämlich dazu, dass es viel weniger Bedenken und Ängste von
Seiten der Produzenten gibt. Ich bin bei Peter Lundt wirklich fast
frei zu schreiben, was ich möchte. Das gibt es beim Fernsehen so
überhaupt nicht. Für einen Autoren ist das natürlich ein Traum!
Der zweite sehr positive Unterschied: Ein Hörspiel ist viel
schneller fertig! Man muss nicht Jahre warten, bis man seinen Film
endlich im Fernsehen sieht. Das motiviert ungeheuer! Und dann hat man
das Hörspiel auch als CD in der Hand, es ist in der Welt und
letztlich immer verfügbar. Ein Fernsehfilm wird einmal oder
höchstens zwei, dreimal ausgestrahlt, dann ist er weg.
Was das
Schreiben angeht, so muss man vor allem die verschiedenen
Geschwindigkeiten von Hörspiel und Film beachten. Ein Hörspielhörer
braucht einfach mehr Zeit, um in einer Szene anzukommen. Dass ich das
alles erst lernen musste, kann man glaube ich gut erkennen, wenn man
sich die erste und die letzte Folge von Peter Lundt hintereinander
anhört, da liegen schon Welten dazwischen! Über den Unterschied in
der Figurenkonzeption habe ich ja schon in der ersten Frage
gesprochen. Um es kurz zu machen: Vieles ist ähnlich, aber dennoch
kann man nicht einfach ein Hörspiel wie einen Film schreiben. Und
das ist natürlich gerade interessant für einen Autoren, man will
sich ja nicht langweilen!
soforthoeren.de: Man könnte Peter
Lundt auch als „Hörfilm“ bezeichnen. Es gibt Vor- und Abspann
und keinen Erzähler. Der Hörer ist nahe an Peter Lundt, er erlebt
das Geschehen durch dessen Sinne, das macht die Ereignisse lebendig.
War es für Sie eine Herausforderung, ein Hörspiel ohne Erzähler zu
schreiben, oder lag Ihnen das besonders, weil diese Form des
Hörspiels nahe am Film ist?
Arne Sommer: Dass es bei Peter Lundt keinen Erzähler geben sollte, war mir vom allerersten Moment an klar. Einerseits, weil ich ja gerade will, dass der Hörer in derselben Situation wie der Held ist. Und wann hat man in seinem Kopf das letzte Mal einen Erzähler gehört? (Und wenn man hat, dann sollte man mal darüber nachdenken...) Andererseits weil ich den Erzähler in den meisten Hörspielen einfach nur ungelenk und langweilig finde. In der Regel ist er nur dazu da, über offensichtliche Fehler im Plot hinwegzusabbeln oder Szenen aneinanderzukleben, die eigentlich gar nicht aneinander passen. Das wollte ich nicht. Übrigens wird es in der nächsten Folge, „Peter Lundt und der Dreiklang des Bösen“, einen Kommentar zum Erzähler geben, also genau hingehört!
soforthoeren.de: Peter Lundt wird oft
als „Film Noir-Hörspiel" bezeichnet, was sagen Sie dazu und wie
lässt sich der Begriff 'Film Noir' auf das Hörspiel
übertragen?
Arne Sommer: Das hatte ich noch gar nicht gehört,
interessant! Letztlich kann man den „Noir“-Begriff natürlich als
Atmosphäre verstehen, die man auch im Hörspiel kreieren kann:
Regen, Nacht, verlorene Männer und schlagfertige Frauen. Obwohl
Peter Lundt gar nicht so oft in der Nacht ermitteln muss. Da schläft
er nämlich lieber. Ich finde den Begriff aber nicht ganz passend,
weil im „Film Noir“ eine zutiefst negative Weltsicht steckt und
der Held letztlich nicht viel verändern kann. Das ist zwar manchmal
in Ansätzen auch bei Peter Lundt so (zum Beispiel am Ende von „Peter
Lundt und die Jagd auf Peter Lundt“), aber grundsätzlich vertritt
er doch eine positive Sicht der Dinge.
soforthoeren.de: Die Peter Lundt
Live-Hörspiele sind ein riesengroßer Erfolg und werden auch auf der
Leipziger Buchmesse aufgeführt. Wie entstand die Idee, Peter Lundt
live zu inszenieren, sind weitere Fälle von dem blinden Detektiv als
Live-Hörspiele in Planung und stehen weitere Live-Termine schon
fest?

Arne Sommer: Wir haben schon vor einiger Zeit mal den
ersten Teil von Peter Lundt in der Originalfassung live aufgeführt.
Aber so richtig kam die Idee zu den Live-Hörspielen erst mit unserem
neuen Partner in Gang, der Lauscherlounge von Oliver Rohrbeck, die ja
auch seit Jahren erfolgreich „Die drei ???“ auf die Bühne
bringen. Oliver ist auch bei uns auf der Bühne dabei und macht sogar
mit viel Freude die Geräusche. Ich habe die Gelegenheit genutzt und
ein paar Unebenheiten des ersten Teils für die Bühne ausgebügelt.
Und außerdem mehr Szenen und ein neues Ende geschrieben, damit auch
die Zuschauer, die das Hörspiel schon kennen, so richtig auf ihre
Kosten kommen. Man kann auf der Bühne auch direkter im Humor sein,
das hat mir großen Spaß gemacht!
Neben dem Termin mit „Peter
Lundt und das Keuchen des Karpfens“ in der Bühnenfassung in
Leipzig am 14.3. wird noch der neue Teil aufgeführt, „Peter Lundt
und die Tänze der Toten“, und zwar am 27.2. in Berlin und am 1.3.
in Hamburg. Allerdings in der Hörspielfassung. Danach wird es auf
jeden Fall weitergehen, aber genaue Termine stehen noch nicht fest.
soforthoeren.de: In der brandneuen
Folge "Peter Lundt und die Tänze der Toten" entkommt
Peters Geliebte Sally Vation nur knapp einem Mordanschlag. Müssen
wir nun um Peters Leben bangen?
Arne Sommer: Naja, wir haben
ja schon einmal um sein Leben gebangt, in „Peter Lundt und die Jagd
auf Peter Lundt“. Das Thema ist also erstmal abgehakt. Außerdem
verrate ich glaube ich nicht zuviel, wenn ich sage, dass der
Titelheld der Peter-Lundt-Reihe wahrscheinlich immer mit einem blauen
Auge davonkommen wird.
soforthoeren.de: In den letzten Jahren
boomt das Krimi-Genre. Es gibt viele Ermittler, die man mit ihren
Ecken und Kanten lieb gewinnt. Wie ordnet sich Peter Lundt da
ein?
Arne Sommer: Das sollten die Hörer am besten selbst
entscheiden. Ich freue mich jedenfalls sehr darüber, dass er sich
überhaupt so toll etabliert hat und wir im Mai tatsächlich die
zehnte Episode rausbringen können.
soforthoeren.de: Wie sieht es denn nun
zwischen Anna Schmidt und Peter Lundt aus? Ständig kabbeln sich die
beiden wie ein Liebespaar, das macht ja auch einen Teil des Reizes an
der Serie aus. Aber es gibt da ja noch Sally Vation, die exotische
Tänzerin vom Kietz. Manchmal taucht auch noch Peters Exfrau auf. Wem
gehört denn nun Peters Herz?
Arne Sommer: Das kommt darauf
an, wen man fragt: Peter selbst würde sicher sagen, dass sein Herz
Sally gehört. Und Anna würde auf jeden Fall behaupten, dass sie und
Herr Lundt nicht in einer Millionen Jahre ein Thema sein werden. Aber
wie jeder Fan der „Gilmore Girls“ bestätigen kann, wissen die
Figuren manchmal selbst nicht, was gut für sie ist. Viel mehr möchte
ich dazu lieber nicht sagen, denn wir wollen die Spannung ja noch ein
bisschen aufrecht erhalten, oder?
soforthoeren.de: Peter Lundts Fälle,
z.B. 'Das Wunder vom Weihnachtsmarkt', lassen am Ende oft Raum für
Spekulationen. Haben Sie die Lösungen im Kopf?
Arne Sommer: In der Regel habe ich eine Lösung im Kopf, aber bestimmt nicht alle
möglichen. Ich finde es immer schön, wenn mir eine Geschichte als
Leser oder Zuhörer einen eigenen Raum lässt, in dem ich etwas
hinzufügen kann, was der Autor selbst vielleicht niemals gedacht
hätte. Das ist wahrscheinlich Geschmackssache. Ich persönlich mag
es überhaupt nicht, wenn alles ausgesprochen und jedes Geheimnis
aufgelöst wird. Das ist übrigens mein Kummer mit den meisten Filmen
im deutschen Fernsehen: Figuren mit Geheimnissen muss man mit der
Lupe suchen. Schade.
soforthoeren.de: Der nächste Peter Lundt Fall 'Peter Lundt und der Dreiklang des Bösen' erscheint kommenden Mai. Können Sie uns erzählen, was Peter Lundt diesmal erwartet?
Arne Sommer: Wer „Die drei ???“
liebt, wird diesmal voll auf seine Kosten kommen. Denn der Fall ist
eine Homage an diese Mutter aller Hörspielreihen in Deutschland! Die
Fragezeichen werden übrigens 30 dieses Jahr, insofern ist das ganze
auch meine Art, ihnen dazu zu gratulieren. Oliver Rohrbeck leiht
einer Figur seine Stimme, und eine Truppe von drei Detektiven, die
sich auf Spuk und Gespenster spezialisiert haben, spielt ebenfalls
eine große Rolle in dem Fall, der Peter Lundt auf den Dachboden
einer Kapitänswitwe in Blankenese führt. Dort spielt der Geist
eines Vorfahren in Regennächten auf seiner Geige... Mehr soll noch
nicht verraten werden.
Vielen Dank für das Interview und die
interessanten Fragen! Und an alle Zuhörer und Fans von Peter Lundt
ein Dankeschön für die Treue und Begeisterung, mit der unser
blinder Detektiv aufgenommen worden ist. Das war vor 5 Jahren noch
nicht abzusehen, und ich bin wirklich stolz und glücklich, dass wir
es zusammen so weit gebracht haben! Und weiter viel Spaß beim
Zuhören!!!
Das Interview führte Gina Berardi
Als besonderes Schmankerl gibt es bis zum 11. März die erste Peter Lundt Folge "... und das Keuchen des Karpfens" als kostenlosen Download!